Billeder Flüchtlinge vor 70 Jahren


September 1944

Flüchten oder bleiben?Flüchten oder bleiben?

Seit Tagen ist Gewehr- und Kanonendonner zu hören. Er wird immer lauter. Die Deutschen in Billed haben ein ungutes Gefühl.
Der Sommer ist fast zu Ende. Der Mais sollte schon gebrochen werden. Doch seit Tagen traut sich kaum noch jemand auf den Kneser und Hodonier Hotter. Und dann taucht am ersten Herbsttag der erste Russe in der Sauerländer Gasse auf.

Seit jenem 21. Sep­tember 1944 sind 70 Jahre vergangen. Es sind Jahre, in denen sich das Dorf in der Banater Heide so grundlegend verändert hat, dass die, die es seither nicht mehr gesehen haben, es kaum wieder erkennen würden.
Für die, die nicht an der Front sind, beginnt erst das große Leid. In jenen Septembertagen, aber auch noch später, will kaum einer es wahr haben, was in den kommenden Monaten, Jahren und Jahrzehnten passiert.

Der russische Vorposten in der Sauerländer Gasse kann keinen Feind im Dorf ausmachen und lässt seine Kameraden aus­schwär­­men.
Auf dem Hof von Jakob Gilde, im Schatten der Billeder Kirche, taucht an diesem Tag ein Soldat asiatischer Herkunft auf, die Kalaschnikow im Anschlag. Sein Ziel: die Ställe.
Seine Truppe braucht Pferde. Doch er findet keines. Jakob Gilde hat sein letztes Pferd - die beiden vorletzten hat die rumänische Armee ihm genommen - hinter den Strohschober gestellt. Bis dorthin geht der Rotarmist nicht. Er zieht unverrichteter Dinge ab.

Mit Pferdewagen bei Hatzfeld über die Grenze

Das unverhoffte Auftauchen des Mannes mit den Schlitzaugen lässt bei Jakob Gilde die Alarmglocken läuten. Er will weg bevor die Russen scharenweise einfallen. Das Pferd macht es noch möglich, und deutsches Militär, das die Russen am nächsten Tag aus dem Dorf drängt.
Jakob Gilde, seine Frau Katharina und die Tochter, die auf denselben Vornamen wie die Mutter hört, zögern keinen Augenblick. Sie bereiten die Flucht vor. Sie schlachten ein Schwein, braten das Fleisch, konservieren es in Gläsern und packen das Nötigste.
Am 24. September hat Jakob Gilde Geburtstag. Er wird ihn auf seinem ersten Flucht­tag fahrend und marschierend verbringen.
Er lässt einen Stall voller fetter Schweine zurück, einen Keller voller Kartoffeln, die gesamte zur Lieferung vorbereitete Hanfernte, den nicht geernteten Mais und die ganze Wirtschaft.
Doch er hat viel Geld bei sich. Das Jahr 1944 war noch ein gutes Jahr für Landwirte im Banat.

Zusammen mit den Gildes aus der Kirchengasse flüchtet auch ein Teil der Ver­wandt­schaft. Jakob Gildes Schwester Maria aus der Altgasse, die mit Hans Szlavik verheiratet ist. Die beiden nehmen Schwiegertochter Anna und den knapp vier Monate alten Enkel Ewald mit. Die Eltern bleiben im Haus in der Altgasse: Katharina und Jakob Gilde senior weigern sich mitzufahren.
Als dritte Familie fahren die mit den Szlaviks und Gildes verwandten Brauns aus der Altgasse mit: Mutter Katharina mit der gleichnamigen Tochter und Sohn Hans. Dabei sind auch die Eltern der Mutter, Margarethe und Hans Wolf. Ungarische Soldaten haben ihnen die letzten Pferde weggenommen. Für den Trecker haben sie keinen Diesel mehr.

Über Gertjanosch erreichen die Flüchtlinge Hatzfeld und erleben die erste Überraschung: Sie treffen Jakob Szlavik, Ewalds Vater, der sich als Angehöriger der Organisation Todt von Serbien durch­geschlagen hat. Kurzentschlossen zieht er die Uniform aus und fährt im Flüchtlingstreck als Zivilist mit.
Über St. Hubert erreichen sie Kikinda im serbischen Teil des Banats. Unter dem Schutz deut­scher Soldaten besteigt ein Teil der Flüchtlinge einen Zug, der west­wärts fährt. Dazu gehören auch die Brauns und Wolfs, die auf dem Weg ihr ganzes Gepäck verlieren, aber schließlich wohlbehalten Ried im Innkreis erreichen und in Niederbronn einquartiert werden. Sie haben es bei „ih­rem“ Bauern nicht gut.

Auch Maria Szlavik und ihre Schwiegertochter Anna mit dem Sohn Ewald entscheiden sich für den Zug. Der Rest der Familie fährt mit dem Pferdewagen weiter. Doch es dauert nicht lange, dann sehen sie sich wieder. Die Pferdefuhrwerke holen den von serbischen Partisanen gestoppten Zug ein. Sie setzen die Flucht mit der Familie fort.

Bei Szeged über die Theiß

Der Pferdewagen-Treck erreicht nach we­nigen Tagen die Theiß bei Szeged. Die Flücht­­­linge müssen sich gedulden. Die Gildes und Szlaviks liegen acht Tage am Fluss, um mit der Fähre übersetzen zu können. Sie haben Glück und schaffen es.
Auf der Fahrt haben sie schon manches gute Stück weggeworfen, denn die Wege sind vom vielen Regen aufgeweicht, die Pferde haben es schwer. Weil immer wieder serbische Partisanen ver­suchen, die Flüchtlinge am Übersetzen zu hindern, lassen viele Pferde und Wagen mit dem letzten Hab und Gut stehen. Sie retten das nackte Leben auf die ungarische Seite. Manche profitieren davon.
Jakob Gilde nimmt sich eines der zurückgelassenen herrenlosen Pferde. Er hat jetzt ein zwar ungleiches Gespann, doch zwei Pferde schaf­fen mehr als eins. Wie sich später im Salzburger Land herausstellen soll, gehört das Pferd einem Billeder.
Viele erreichen das rettende ungarische Ufer nicht. Sie fallen in die Hände serbischer Partisanen. Dazu gehört eine Reihe Billeder Familien.

Auch Hans Gilde, ein Vetter Jakob Gildes, begibt sich am 24. September auf die Flucht mit seiner Frau Regina, seiner unverheirateten Tochter Magdalena, seiner Tochter Wetti Schäfer und Enkelin Arntrud. Sie nehmen auch Margarethe Rademacher und deren Tochter Maria ins Schlepptau.
Auch sie verlassen Rumänien bei Hatzfeld, fahren über Serbisch-Zerne, erinnert sich Magdalena Sehi geborene Gilde. Dort stoppen Partisanen sie und zerstören Hans Gildes Traktor, der mit zwei angehängten Wagen zurückbleibt. Deutsche Soldaten vertreiben die Par­ti­sanen.
Weiter geht es nachts mit den beiden Pferdefuhrwerken, die ihnen noch geblieben sind. Auf den aufgeweichten Wegen müssen sie bald einen der beiden Wagen zurücklassen, weil es die Pferde nicht mehr schaffen. Die beiden Rademacher-Frauen ent­schließen sich, nach Hause zu gehen. Sie schaffen es.
Die an­deren erreichen Deutsch-Zerne. Deutsche Soldaten schicken sie nach Kikinda, denn nur dort kann noch für ihre Sicherheit garantiert werden, so Magdalena Sehi.
Doch dorthin gelangt der Treck nicht mehr. In Elemer fallen die Flüchtenden in die Hände von Parti­sanen.

In den Händen der Partisanen

Die serbischen Partisanen bringen die Gefangenen nach Großbetschkerek: Frauen und Kinder auf Pferdewagen. Die Männer müssen laufen, reitende Partisanen treiben sie vor sich her.
In einer ehemaligen Mühle be­ginnt für die Männer ein unbeschreibliches Martyrium. Sie wer­den geschlagen, gefoltert und später er­schossen.
Die Frauen und Kinder, die zusammen untergebracht sind, bekommen - genau wie die Männer - kaum etwas zu es­sen. Weil die Frauen protestieren, werden die Jugendlichen nach einigen Tagen von den Männern getrennt und in den Raum der Frauen gesteckt, erinnert sich der damals 17-jährige Hans Ortinau. Dieses Glück haben neben Hans Ortinau ferner Hans Braun (Kirchengasse), Adi Klein und zwei Gesellen.
Freigelassen werden nach wenigen Tagen die beiden Temeswarer Textilfabrikanten Josef Stefan Schmidt und Anton Knopf. Die Russen brauchen sie, um die Produktion wieder anzukurbeln.
In die alte Mühle eingeliefert werden nach paar Tagen auch Katharina Köster und ihr Schwiegersohn Hans Lichtfuß. Deutsches Militär hatte sie auf dem Rückzug von Hatzfeld mit einem Rot-Kreuz-Wagen mitgenommen, weil sie auf ihrem Hof in der Vertgass verwundet wurden: Katharina Köster hatte ein durchschlagenes Bein, Hans Lichtfuß 18 Granatsplitter im ganzen Körper verteilt. Bis Hatzfeld sind sie zusammen mit Hans Lichtfuß, Tochter Maria und Sohn Hans geflüchtet, die jedoch von dort heimkehren.

Die gefangenen Männer müssen täglich zur Arbeit. Anfangs leeren sie die Rucksäcke erschossener und umgebrachter deutscher Soldaten. Das verschimmelte Brot, das sie darin finden, ist gut gegen den Hunger, sie weichen es am Brunnen in Wasser auf und essen es.
Die Männer sind in einem Raum mit Betonwänden und -boden untergebracht, Betten fehlen. Von den Decken fallen die Wanzen. Die Frauen haben Stockbetten, sie müssen sich gegen Läuse wehren.
Vor dem Raum der Frauen liegt die „Schwitz­­zelle“. Dort erschlagen die Partisanen nachts deutsche Soldaten. Sie prügeln mit Knüppeln und Gewehrkolben auf sie ein. Die Blutlachen sind am Morgen nach den fürchterlichen Schreien in der Nacht ein wei­teres Zeugnis dieses Martyriums.
(siehe Zeitzeuge Kristof Michael)
Unter den Gefangenen ist auch eine russische Krankenschwester. Sie wird eines Tages freigelassen. Doch sie will das Lager nur verlassen, wenn auch die anderen Gefangenen befreit werden. Ihr Protest hilft.
Im Dezember werden Frauen, Kinder und Jugendliche freigelassen. Von Billed kommen frei: Magdalena und Regina Gilde, Wetti und Arntrud Schäfer, Susanne und Maria Weber, Gabi und Barbara Linzer, Inge, Elsi, Günther und Magda Thöreß, Magdalena, Ritzi und Adi Klein, Mädi, Hans und Anna Braun, Katharina Köster, ferner Attila Schmidts Frau.
In Hatzfeld werden sie von Rumänen im Großen Wirtshaus interniert, doch es geht ihnen besser, denn die Bevölkerung versorgt sie. Jede Straße ist reihum eine Woche lang an der Reihe, für die Ge­schundenen zu kochen.
Ein neues Problem ist jetzt aufgetreten: Die Mädchen müssen sich vor den russischen Soldaten verstecken, um der Vergewaltigung zu entgehen.
Das Versprechen, auch die Männer aus der Mühle in Großbetschkerek zu entlassen, halten die Serben nicht. Im Lager in Betschkerek kommen ums Leben, die meisten durch Genickschuss: Dr. Hans Weber, Hans Linzer, Janni Braun, Dr. Michael Ortinau, Attila Schmidt, Peter Schwarz und Hans Bohn.
Die Flucht gelingt Hans Gilde, Adam Klein, Albert Thöress und Hans Lichtfuß.
Wie Magdalena Sehi berichtet, ist ihr Vater, Hans Gilde, nach der Heimkehr ein gebrochener alter Mann. Er wird an den Folgen der Prügel sterben.
Hans Lichtfuß gelingt zweimal die Flucht. Das erste Mal schicken die Rumänen ihn von Arad aus zurück nach Serbien. Das zweite Mal, im Jahr 1948, wird er wieder in Arad festgenommen, doch anschließend freigelassen.

Kriegsende in Deutschland

Während die einen in serbischen Lagern dahinvegetieren, setzen die anderen die Flucht fort. Mit Essen sind die Flüchtenden versorgt. Probleme gibt es nur mit Kleinkindern.
Maria Szlavik klopft täglich in den Dörfern an Haustü­ren und bittet für ihren Enkel Ewald um Milch. Jeden Tag Milch von einer anderen Kuh, das verträgt nicht jedes Kind.
Ewald übersteht es, problemlos. Für die Pferde ist gesorgt, denn der Mais ist noch nicht geerntet.
Nächstes Ziel des Trecks ist die Donaubrücke in Dunaföldvar und dann deutscher Boden. Nach einem Monat hat die Flucht in Nie­derösterreich ein vorläufiges Ende. Doch das weiß noch keiner.
Die Familien Gilde und Szlavik machen in Aspersdorf im Kreis Hollabrunn Halt. Das Bürgermeisteramt küm­­mert sich um die Unterbringung der Flüchtlinge.
Familie Gilde wird bei Fa­milie Haunold eingewiesen. Der Hausherr will sie im Vorbehalter­haus unterbringen. Es ist ein altes Gebäude. Das Zimmer und die Küche haben kaputte Fußböden, die Fensterscheiben sind einge­schlagen, Möbel fehlen.
Als sich die beiden Frauen umsehen, müs­sen ihre Mienen Bände sprechen. Der Hausherr bittet sie ins Haupthaus. Er lässt das alte Haus reparieren, Dorfbewoh­ner spenden Möbel. Sie kommen durch den Winter.

Im Frühjahr nähert sich die Front, die zwei Familien packen wieder und fahren weiter westwärts. Über Bayern gelangen sie ins Salz­­burger Land. Den 8. Mai erleben sie im zu St. Georgen gehö­renden Untereching.
Der Tag des Zusammenbruchs ist für sie ein schlim­mer. Freigekommene Kriegsgefangene bewaffnen sich, mor­den und feiern Orgien.
Familie Gilde kommt bei dem Landwirt Franz Spat­zenegger unter. Sie hat Glück. Die Spatzeneggers sind gute Leute. Die Gildes bekommen täglich ihren Liter Milch und ausreichend Kartoffeln. Bei dem herrschenden Elend nicht mit Gold aufzuwiegen. Doch was sie und ihre Gastgeber nicht ahnen können: Das Gute, das die Gildes erfahren, werden sie mit ähnlich Gutem zu­rückzahlen.

Nach dem Zusammenbruch

Zwei Wochen nach dem Zusammenbruch ist Hans Steiner ein freier Mann. Als Angehöriger der Organisation Todt hat er keinen Blut­gruppenstempel unter dem Arm. Deshalb entlassen ihn die Ameri­kaner aus der Kriegsgefangenschaft.
Über die Salzach wechselt er von Bayern nach Österreich und geht zu seiner Verlobten nach Un­tereching.
Der neue Bürgermeister von Sankt Georgen bei Salzburg nimmt ihn nur unter einer Bedingung in die Ge­meinde auf: Er muss auf seinem Hof Knecht werden.
Auf dem Bauernhof gibt es oft Suppe zum Mittagessen. Doch wählerisch kann keiner sein. Hauptsache: Er ist satt.

Weniger Glück als Hans Steiner hat Jakob Szlavik. Nachdem seine Familie in Niederösterreich untergebracht ist, schlägt er sich nach Wien durch und meldet sich bei seiner Einheit.
Nach Weih­nachten 1944 wird er nach Prag verlegt, wo ihn seine Mutter eines Tages besucht. Sie legt die 120 Kilometer nach Prag zu Fuß zurück. Auf dem Weg zurück nach Niederösterreich nimmt ein Lastwagenfahrer sie mit.
Von Prag setzt sich Jakob Szlaviks Einheit nach Westen ab. 14 Tage vor dem Zusammen­bruch wird ihm noch die Blutgruppe unter den Arm tätowiert. Er gehört jetzt der Waffen-SS an.
Am 4. Mai ist er mit Kameraden auf einem Bauernhof bei Salzburg. Sie sind hungrig. Doch die Bäuerin kann ihnen kein Brot anbieten. Sie dürfen sich jedoch Kartoffeln nehmen.
Als sie eben die Suppe kochen wollen, tauchen Franzosen auf und stellen sie an die Wand, um sie zu erschießen. Bevor die Franzosen anlegen können, fahren Amerikaner vor und nehmen sie als Gefangene mit.
Zurück bleibt alles, was sie noch haben. Auch die Uniformröcke. Sie kommen in ein Sammellager bei Ried.
Es folgen kalte Nächte. Sie liegen ohne Schutz im Freien, morgens bedeckt Reif ihre Körper. Und sie sind hungrig. Sie werden dann in ein richtiges Lager bei Wegscheid verlegt.
Auch dort plagt sie der Hunger. Doch eines Morgens duftet es nach Kaffee. Und von diesem Tag an funktioniert der amerikanische Verpflegungsnachschub. Allmählich wird alles lockerer.

Jakob Szlavik und Josef Thöreß aus der Altgasse dürfen zusammen mit sechs Mann aus Kleinbetschkerek täglich nach Krems fahren, um das Kino instand zu halten. Und dann ist der langer­sehnte Tag der Freiheit gekommen: der Karfreitag 1946, es ist der 19. April.
Als er in Untereching eintrifft, sind die Ostereier schon gefärbt. Doch Ewald hat Angst vor dem Vater, er kennt ihn nicht. Mit den gefärbten Eiern gelingt es Jakob Szlavik, den Sohn spielend für sich zu gewinnen. Das Eis ist gebrochen.
Er ist erst wenige Tage frei, da steht ein Hochzeitsfest an. Katharina Gilde und Hans Steiner sind seit dem 29. März standesamtlich getraut, jetzt bekommen sie auch den kirchlichen Segen. Seit Monaten hat die ganze Familie die Lebensmittelkarten nicht eingelöst. Jetzt reichen sie aus, um die nötige Portion Fleisch für den Hochzeitsbraten einkaufen zu können. Es ist der 23. April.
Hans Steiner hat keinen Sonntagsanzug. Seine Klei­­dung hängt noch daheim im Schrank bei den Eltern. Aber Jakob Szlavik kann aushelfen, sein blauer Anzug hat die Flucht überstanden. So richtig wollen Hose und Rock dem deutlich größeren Bräutigam nicht passen. Er trägt den Gürtel samt Hose etwas tiefer. Es sind eben schlechte Zeiten.

Heimkehren oder bleiben

Inzwischen hat Jakob Gilde sein rumänisches Geld - es hätte aus­gereicht, ein Haus zu kaufen -, in Reichsmark und in Schilling umge­tauscht. Doch die Gedanken kreisen ständig um die Hei­mat. Katharina Gilde hat großes Heimweh. Maria Szlavik will ihre alten Eltern nicht allein in Billed lassen. Die Folge: Als erster fährt Hans Szlavik nach Hause, um alles zu erkunden.
Im Juni machen sich Katharina und Jakob Gilde zusammen mit Tochter und Schwie­gersohn, ferner Maria Szlavik mit Sohn, Schwiegertochter und Enkel auf den Heimweg. Geld für die Fahrkarten haben sie noch. Hätten sie es nicht, wäre die Heimreise gefährdet.
Um die Durch­reise­er­laubnis durch Ungarn zu erhalten, lassen sie sich als Ungarn registrieren. Einen Schleu­ser haben sie auch gefunden. Es ist ein gewisser Stefan. Er stammt aus dem serbischen Teil des Banats und spricht Deutsch, Ungarisch, Serbisch und Rumänisch.

Am Tag der Abfahrt kommt Katharina Braun auf den Salzburger Bahnhof, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und sagt: Leute, was habt ihr vor? Doch die Heimreisewilligen lassen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie steigen ein in den Zug Richtung Osten.
In Kaposvar die erste Überraschung. Die Ungarn kontrollieren die jungen Männer und filtern ehemalige SS-Angehörige heraus. Stefan, der Schlepper, geht zweimal zur Kontrolle, einmal für sich und das zweite Mal für Jakob Szlavik. Ein Wunder, dass es nicht auffällt. Einer der Kontrolleure schaut schon schief.
An der Grenze im Dreiländereck Ungarn/Rumänien/Serbien sind die un­garischen Grenzer bestochen. Doch das hindert sie nicht, den Heim­kehrern vor dem Grenzübertritt die letzten Habseligkeiten wegzunehmen.
Während die einen heimgehen, flüchten die anderen. 1946 kommt Katharina Brauns Bruder Hans in Niederbronn an. Nach einer Haft in Targu-Jiu flüchtet er über die Grenzen in die Freiheit. 1949 zieht die ganze Familie nach Kaiserberg im Oberelsass, wo sie bis 1952 bleibt. Dann dürfen die Brauns endlich nach Deutschland einreisen. Ihre Odyssee endet in Glatt im Schwarz­­wald. Dort finden Margarethe und Hans Wolf mit Kindern, Katharina Braun und Hans Wolf, ihre letzte Ruhestätte.

Zu Hause vor dem Nichts

Den Szlaviks, Gildes und Steiners erspart die Flucht die Russland-Verschleppung. Der Verbannung in den Baragan entgehen sie aber nicht. Zu Hause angelangt, stehen die Gildes vor dem Nichts. Nicht einmal ein Bett haben sie mehr. Im Haus sind Bessarabien-Flüchtlinge.
Doch die rücken zusammen und machen ihnen Platz. Das Verhältnis ist gut, man hilft sich sogar.
Trotzdem: Eines Tages kommt Misstrauen auf. Aus den Nahrungsmittelvorräten der bessarabischen Flüchtlinge fehlt ab und an etwas. Der Verdacht fällt auf die frisch Heim­ge­kehr­­ten. Der Bessarabier ist Postmeister und hat einen Lehrling. Als der Postmeister den Jungen beim Stehlen erwischt, verprügelt er ihn jämmerlich. Der Hausfrieden ist für immer hergestellt.
Doch das sind Lappalien. Hans Steiner und Jakob Szlavik haben ganz andere Sorgen, ähnlich wie viele andere Heimkehrer. Beide sind vor dem Angriff auf die Sowjetunion aus der rumänischen Armee desertiert und haben sich der Organisation Todt in Serbien ange­schlossen. Jetzt werden sie gesucht.
Ein Monate währendes Versteck­spiel beginnt. Es endet erst, sagt Jakob Szlavik, als Peter Mann die Pferde einspannt, unter allen Wehrmachts- ­und Waffen-SS-Angehörigen sowie Deserteuren im Dorf eine Sammlung durchführt und die Polizei besticht. Die Verfolger sind stets Angehörige der neuen rumänischen Kolonisten, die Ende 1944 ins Dorf gekommen sind, alle Rechte haben und sich als Herren aufführen.

Hans Steiner hat Glück, er entwischt ihnen immer wieder. Doch Jakob Szlavik fassen sie eines Tages bei Onkel Wendel in der Altgasse. Sie bringen ihn zusammen mit Jakob Bürger und Josef Schöplein nach Temeswar und anschließend nach Hunedoara ins Hüttenwerk. Dort angekommen, sitzt er mit vielen anderen Eingefangenen in einem großen Raum. Doch nicht lange. Beim Schichtwechsel mischt er sich unter die vielen Arbeiter, die das Werk verlassen und geht zum Bahn­hof. Er tritt die Hälfte seines Tabaks einem Eisen­bahner ab, der nimmt ihn im Gü­terwagen nach Simeria mit. Nach zwei Tagen wird er zu Hause sein. Er muss noch einige Male umsteigen: in Deva, Radna und Temeswar.
Auf dem Bahnhof in Temeswar dann die Überraschung: Jakob Szlavik sieht den Billeder Polizeichef in den Zug einsteigen. Er geht bis nach Tscharda, steigt dort in den Zug ein, in dem der Polizist sitzt. In Billed verlässt er den Zug auf der dem Bahnhof abge­wandten Seite. Der Polizeichef sieht ihn nicht.

Kaum sind die Flüchtlinge heimgekehrt, erreicht sie aus Untereching die Nachricht, dass der Sohn ihrer Wohltäter in Temeswar in Gefangenschaft ist. Hansi, dem jüngsten Sohn der Spatzeneggers, ist die Flucht aus einem serbischen Lager über die Donau gelungen. Er sitzt im Dikasterialgebäude am Domplatz ein. Bis er nach Russland verschickt wird, versorgen die Gildes ihn mit Lebensmitteln.
Der Kreis hat sich geschlossen. Die Hilfsbedürftigen werden zu Helfern. Die Freundschaft zu den Spatzeneggers wird die Jahrzehnte überdauern, bis sich alle nach der Aussiedlung der Steiners 1980 in Österreich und in Deutschland wiedersehen. (aus dem BH 2004)


Weitere Beiträge dieses Autors