10 Deka im Stanitzel


10 Deka im Stanitzel


  • Der Jahrgang 1910 in der 4. Klasse im Jahr 1921
  • Mädchenkranz im >>Kraakewald<< (Krähenwald) 1930
  • Rekruten des Jahrgangs 1910 nach der Abschiedsfeier anläßlich der Musterung zum mehrjährigen Militärdinest (Foto 1930)
  • Der Katholische Frauenverein 1932 im Hof der Familie Wolf (415)

Vor unserem letzten Urlaub in Österreich sagte meine Mutter zu mir: „Wann dr noot dort seid, kannscht mr ä Weitling mitbringe“.
Hier bei uns in Franken gibt es keinen "Weidling" zu kaufen und man kann ihn auch nur unzulänglich beschreiben. Also machten wir uns auf die Suche und fanden in Eisenstadt im Burgenland ohne große Probleme "Weitlinge" in jeder Größe und aus verschiedenen Materialien.
Durch dieses Wort "Weidling", eine große tiefe Rührschüssel, deren oberer Umfang weiter als der Boden ist, war mein Interesse an den österreichischen Wörtern im Schwowischen geweckt. Und als ich mich auf die Suche machte, stellte ich schnell fest, dass es eine unglaubliche Fülle solcher Wörter im Billedrischen gibt.

Billedrisch ist eine Mischung aus rheinfränkischen und moselfränkischen Dialekten, wobei das Rheinfränkische überwiegt, und hat mit dem österreichischen Deutsch nicht viel zu tun. Trotzdem finden wir heute in den schwowischen Mundarten viele Wörter, die an das Wienerische erinnern und aus der österreichischen Umgangssprache stammen.
Die Kolonisten, die ins Banat kamen, stammten überwiegend aus den linksrheinischen Gebieten, also der Pfalz und dem Rheinland und nur ein geringer Teil aus österreichischen Ländern. Doch Handwerker, Kaufleute und Beamte, die aus Österreich, vor allem aus der Gegend um Wien ins Banat kamen, brachten ihre Mundart ins Schwowische.
Auffallend ist, dass viele mit Küche und Nahrung zusammenhängende Bezeichnungen an das Wienerische erinnern. Wahrscheinlich haben auch Wiener Kochbücher des 18. Jahrhunderts zur Verbreitung der Wiener Küche und der dazugehörigen Ausdrücke beigetragen. Nun also zu einigen ursprünglich österreichischen Wörter im Billedrischen.

In Billed braucht man zum Kochen nicht nur den "Weitling", sondern auch den "Nudlwaljer" und den "Reindl", ein größeres flaches Kochgeschirr.
Im Deutschen ist der Metzger, Fleischer oder Schlachter üblich. Im Billedrischen heißt er "Fleischhacker", genauso wie in Österreich. Dort kauft man das "Geselchte" und nicht etwa Geräuchertes.
Frikadellen oder Fleischküchle sind "Faschiertes". Man kann es auf jeder Speisekarte in Österreich finden. Und beim „Fascheertet derf dr Knowl net fehle“. "Knowl" kommt von Knofel für Knoblauch im Österreichischen.
Das Gemüse oder die Beilage, die man dazu isst, heißt auch in Österreich Zuspeis. Sellerie ist in Billed und Österreich der Zeller. Zu Johannisbeeren sagt man "Riwisle" und zu Stachelbeeren "Agratzle".
Das eingeweckte Obst ist das Dunstobst.
In Deutschland isst man Rühreier, in Billed jedoch „Oierspeis“. Kauft man etwas in einer kleinen trichterförmigen Verpackung aus Papier, so heißt diese Tüte "Stanitzel". Dieses Wort stammt ursprünglich von dem italienischen Wort „scarnuzzo“ für dreieckige kleine Tüte.
Backt man einen Kuchen, so wiegt man nicht 100 Gramm Zucker, sondern "10 Deka".
Die Hefe ist in Österreich die Germ und durch Lautverschiebung im Billedrischen die „Gerwe.“
Auch Polsterzipfel, in Billed „Polschterzippe“, kann man in Wien kaufen. Darauf darf der "Staubzucker", hochdeutsch Puderzucker, nicht fehlen.

Nun noch einige Beispiele aus anderen Sachgebieten, die uns den Einfluss der österreichischen Umgangssprache auf das Billedrische vor Augen führen.
Die ersten beiden Monate des Jahres heißen "Jänner" und "Feber". Auch heute noch gibt es keinen Januar in Österreich, sondern nur den Jänner.
Die Kommode heißt „Schubladkaschte“ und ein "Krischpindl" ist ein kleiner, schwacher Mensch.
Wenn jemand erschrickt oder entsetzt ist, „fallt ne in die Frääs.“
Auf dem Markt wird gefratschelt und wenn etwas geklebt wird, „gefft et gepickt.“
Wenn man sich schnäuzt, braucht man kein Taschentuch sondern ein "Sacktuch".
Und wenn mich jemand ärgert, werde ich "sekkiert". Zum Bauen braucht man Mörtel, in Österreich jedoch "Malter".

Was mich sehr verwundert hat, ist das Buchstabieren der Buchstaben J und Q. In Österreich werden diese Buchstaben als "je" und "kwe" gesprochen, so lernten es auch die Kinder in Billed. In Deutschland heißen sie "jot" und "ku".
Die Liste der Wörter aus der österreichischen Umgangssprache ist lang und lässt sich beliebig fortführen.
(BHB 2004)