Alleritt Flammkuche


Alleritt Flammkuche


Wir mussten uns „dummle“ (beeilen) damit wir die Abfahrt des Busses ins Elsaß nicht verpassten. Aber „ehnder“ (bevor) wir nicht da waren, würde die Reise sicher nicht beginnen. Als ich dann im Bus neben dem „Tochtermann“ (Schwiegersohn) meiner Mutter saß, habe ich noch schnell die „Krälle“ (Perlen) an meinem Hals überprüft und schon konnte die Reise beginnen.
„Sellmols“ (Damals) als wir diese Rundreise buchten, waren wir schon gespannt was uns erwarten würde. Neben der wunderbaren Landschaft und den Sehenswürdigkeiten sahen wir auf manchem „Nascht“ (Ast) eine „Atzel“ (Elster) oder auch einen „Baampicker“ (Specht). Das Gebiet, das wir bereisten war sehr schön und auf keinen Fall „wischt“ (häßlich).

Diese Reise in den Südwesten Deutschlands, ins Elsaß und die Schweiz brachte mich, wie man so schön neudeutsch sagt, zurück zu den Wurzeln. Denn all diese oben erwähnten Wörter kommen aus dem Alemannischen, eine Sprachform, die in diesen von uns bereisten Gegenden gesprochen wird.
Zwar ist billedrisch eine rheinfränkisch-moselfränkische Mundart, aber natürlich gibt es auch Einflüsse von anderen Dialekten, unter anderem eben auch aus dem Alemannischen. Denn die Auswanderer, die sich ins Banat aufmachten, kamen aus ganz Deutschland. Jeder sprach einen anderen Dialekt. Es musste also eine Sprache gefunden werden, die jeder verstehen und auch sprechen konnte.
In sehr vielen Dörfern hat sich das Rheinfränkische, also das Pfälzische durchgesetzt, obwohl nicht in jedem Dorf die Leute aus den pfälzisch sprechenden Teilen Deutschlands die Mehrheit bildeten.

Im Lothringischen sagt man zu Haus Huus, was nicht von allen Siedlern gleich gut verstanden wurde. Das pfälzische mied für müde war besser zu verstehen als das hessische moid. Deshalb haben sich in diesen Fällen die verständlicheren Formen durchgesetzt.

Doch andere Wörter aus den verschiedenen anderen Dialekten sind geblieben, wie z.B. die alemannischen Wörter Logel für kleines Fässchen, ball für bald, juchze für jauchzen und worgse für würgen.

Im Gebiet von Arad haben sich vermehrt Siedler aus Bayern und Franken niedergelassen, deshalb wurde dort auch eine sehr vom Bayerischen geprägte Mundart gesprochen. Ich erinnere mich noch gut an unsere Besuche bei der Verwandtschaft in Glogowatz, wenn meine Tante nach der „Muada“ gerufen hat.
Als Kind habe ich mich immer gefragt, wie es sein kann, dass man in Glogowatz so komisch gesprochen hat. Für mich war das Billedrische die wahre und einzige Mundart. Andere habe ich nicht gekannt. Und jetzt wo ich mich mit den Banater Dialekten beschäftige, muss ich mein Urteil von damals dennoch nicht revidieren.

In Billed hat das Pfälzische die Oberhand behalten, aber dennoch hat es auch starke Einflüsse des Moselfränkischen übernommen.
So hat sich in Billed z.B. das moselfränkische „et“ für es und das erhalten, aber die Formen dat und wat für das und was sind verschwunden. Die Siedler aus der moselfränkischen Region, das ist das Gebiet nördlich des Hunsrücks, vor allem die Trierer Gegend, sprachen keine einheitliche Mundart, deshalb sind viele Merkmale zugunsten der rheinfränkischen, einheitlicheren und verständlicheren Mundart verschwunden.
Im Moselfränkischen sagte man z.B. he oder hen statt er. Das hat sich so nicht im Billedrischen erhalten. Dennoch gibt es Reste davon in der Form ne oder nur noch als n.

Drei Beispiele:„Is ne do?“, also „Ist er da?“

„Seim Weib hat ne gsaat, for was ne gischter net komm is.“ = Seiner Frau hat er gesagt, warum er gestern nicht gekommen ist.

„Wann hatn die nei Gschicht verzählt?“ = Wann hat er die neue Geschichte erzählt?

Auch die Bildung des Passivs mit Hilfe von gen = geben ist moselfränkisch.
„Et is gfroot gen.“ = Es wurde gefragt. „De Sack is getraa gen.“ = Der Sack wurde getragen.

Es gibt auch Wörter, die nur in Billed verwendet wurden und anderswo verschwunden sind, z.B. fludre für aufwirbeln und schlurpe für schlürfen, das aus dem Niederländischen slurpen kommt. Auch das moselfränkische Wort „steipe“ für abstützen hat sich gegenüber dem pfälzischen Wort „abstrewe“ behauptet.

Insgesamt kann man sagen, dass das Billedrische zu den fescht-Mundarten gehört. In Deutschland bildet der Hunsrück die Grenze zwischen dem Moselfränkischen und dem Rheinfränkischen. Unterhalb des Hunsrücks wird das st als scht und oberhalb als st gesprochen. Dieses scht wird auch im Lothringischen und im Alemannischen gesprochen, sodass es sich in den meisten Dörfern des Banats durchgesetzt hat. Ebenso gibt es eine Apfellinie. Sie trennt mit einer Linie die ungefähr bei Worms verläuft, die Mundarten in Apfel- und Appelsprecher ein. So gibt es auch im Billedrischen kein pf sondern nur ein p. Man sagt also: peife, plicke, Pehr, Peiler, Poschte und Peffer.
Doch zum Koffer sagt man Kupfer. Das wurde allerdings aus dem Österreichischen übernommen.

Wir haben also gesehen, dass die Siedler aus der Pfalz, dem Elsaß, aus Lothringen, aus Hessen und auch aus Bayern gekommen sind. Aber auch aus Franken kamen Kolonisten ins Banat. Es gibt einige Dörfer im Arader Kreis in denen eindeutig fränkische Wörter verwendet werden. Dort gibt es z.B. Glegla für Glöckchen, haam für heim, maane für meinen, kumma für kommen.

Diese Wörter klingen in meinen Ohren sehr vertraut. Denn auch bei uns in Fürth wird so geredet. Das bringt mich zu der Frage, was ich eigentlich bin. Bin ich eine Fränkin, bin ich eine Pfälzerin oder bin ich Schwowin oder gar eine Schwäbin? Letzteres kann ich eindeutig verneinen. Zwar heißen wir Banater Schwaben, aber Schwaben sind wir keineswegs.
Es sind wohl auch Schwaben ins Banat ausgewandert, aber von deren Sprache hat sich so gut wie nichts erhalten. Es gibt kein einziges Dorf, in dem eine schwäbische Mundart gesprochen wird.

Der Begriff „Schwabe“ wurde im 18. Jahrhundert bereits als Sammelbegriff für „Deutsche“ verwendet. Auch dass die Siedler in Ulm mit den Ulmer Schachteln in ihre neue Heimat aufgebrochen sind, hat vielleicht zur Verfestigung des Begriffes Schwaben beigetragen.
Ja, was bin ich nun? Genauso wie die Siedler, also auch meine Familie, aus verschiedenen Gebieten des damaligen Deutschlands ins Banat kamen und ganz verschiedene Dialekte gesprochen haben, so bin auch ich ein Gemisch. Seit 50 Jahren lebe ich in Franken, bin hier aufgewachsen und spreche fränkisch. Dennoch bin ich auch eine Schwowin. Ich liebe die schwowische Sprache und da natürlich das Billedrische, weil „mr nor do et Maul so richtig voll holle kann“, wie mein Cousin Seppi es so treffend formuliert hat.

Ach ja, auf unserer Reise ins Elsaß haben wir natürlich auch die kulinarischen Spezialitäten probiert. Und besonders hatte es uns der Flammkuche angetan. Den hätten wir alleritt, also immer wieder, essen können. Das hat mich wieder sehr an unsere Urlaube in Billed erinnert.

Wenn die Oma Brot gebacken hat, gab es auch immer Flammkuche. Aus dem Brotteig wurden Fladen geformt und diese dann nach dem Brot im Ofen gebacken. Dann noch Fett und Salz drauf und fertig war der Genuss. In der Originalversion im Elsaß kommen auf den Flammkuche Zwiebeln, Speck und Sauerrahm.
Auch das ist eine wirklich sehr gut schmeckende Art, den Flammkuche zuzubereiten. Eigentlich wundert es mich, dass sich diese Variante des Flammkuche in Billed nicht erhalten hat. Ob es solche elsässischen Flammkuche in anderen Dörfern gegeben hat, habe ich noch nicht in Erfahrung gebracht.

Wenn jemand dazu Informationen geben könnte, würde sich sehr darüber freuen.
Eure Wortschatzsucherin