Musikante seid net faul - die Inschtrumente ans Maul!


Fotos Trachtenball 1940, 1970, 1971, 1972

1970 erster Trachtenball seit 30 Jahren - von Heinrich Lauer

Der Mensch, selbst der Schwabe, hat es in dieser Welt nicht leicht. Da kommt einem beispielsweise so ein Trachtenball in die Quere, man hat an alles gedacht, war, bis nach Bakowa um eine Mädchentracht oder gar noch weiter um die Mädchentraube gefahren; hat dem Schneider noch ein paar hundert Knopflöcher zum Wochenende in Auftrag gegeben und stellt dann eine halbe Stunde vor dem Fest fest, dass der Rock nicht gerade so sitzen will, wie er soll, dass die geborgte oder aus der Familientruhe hervorgeholte Hose zu eng ist oder dass die Stiefel drücken. Aber beim Fest dann, beim Aufzug der Trachten — über ein halbes Hundert Paare sind es, und genau ein Dutzend Variationen aus Heide und Hecke, da geht ein Rauschen und Raunen durch den Saal, als vollziehe sich ein Wunder der Kultur.
Und es ist ein wahrhaftiges.
Selbst wenn wir es noch so oft sehen sollten, für das Schöne wird der Mensch offenensichtlich nicht unempfindlich: er ist imstande, täglich einen Sonnenaufgang zu erleben.
Es war nicht einzige Absicht der Billeder die Trachten vorzuführen — obgleich gemäss dem organisatorischen Konzept der Veranstalter (Prof. Hans Pierre, Kulturheimdirektor Hans Schmidt, Lehrerin Eva Mager, Peter Krier und Wilhelm Weber) die einzelnen Ortstrachten bei Aufmarsch und Tanz im Gesamtbild und in gesonderten Bildern gezeigt werden.

Die Blasmusik, Kapellmeister Michael Hirt hatte dabei jeweils einen Marsch- und einen Walzermarathon zu blasen, und es erübrigt sich somit zu sagen dass sie „net faul" war und den rhetorisch als ernst gemeinten Zuspruch des zweiten Geldherrn Peter Krier „Musikante seid net faul — die Inschtrumente ans Maul!" beherzigte. Denn die Billeder wollten heut abend „luschtich" sein und die selten gefühlte Schwerkraft der Stiefel in der Polka erproben, die Frauen die wogende Walzerherrlichkeit von fünf rauschenden Röcken und Unterröcken.
Dazu gab es eine Anzahl von Preisen zu gewinnen, darunter den nicht wenig attraktiven in der rosigen Person eines hoffnungsfrohen Ferkelchens, den die Redaktion des „Neuen Wegs" für die am besten getanzte Polka gestiftet hatte.
Auch die „Neue Banater Zeitung" und das Billeder Kulturheim hatten Preise gestiftet, so dass schliesslich ein wahrer Preisplatzregen niederging.

Die beste Polka tanzte Sepp Klein (mit Frau natürlich). Glücklich schloss er das aufgeregt grunzende Tierchen, das eine rote Masche trug und auf den Namen Gretche hört, in die Arme.
Hans Trendler und Hans Lauer (Hansen und kein Ende) folgten ihm so hart auf den Fersen, dass NW-Redakteur Hans Frick, selbst Billeder, zur Zeit Bukarester Billeder, zwei weitere Preise stiften musste, von denen die Bukarester Redaktion auf diesem Wege erfährt: ein NW-Jahresabonnentent und eins für ein halbes Jahr. Gott segne den Redaktionshaushalt!

Die vom Billeder Kulturheim gestifteten Trachtenpreise gingen an die Paare Tröster (Benscheheker Tracht), Dippong (Bakowaer Tracht) und Franz (Billeder Tracht).
Als echtestes Billeder Paar wurden Marianne und Peter Hirt (Braut-tracht) von der NBZ mit einer Prämie bedacht.
Zwei weitere NBZ-Preise gingen an das älteste (Jakob Rieder) und an das jüngste Paar (Josef Stadtfelder).
Den Vortänzerstrauss gewann Adam Welter in „amerikanischer Lizitation“. Der reichbebänderte Rosmarein ist, wie wir erfahren konnten, bei der „Wes Mari im Garte gewachs“.

Eine wichtige Person soll nicht vergessen sein: Erster Geldherr war Sepp Herbst, der von Frühling bis Winter einer der wichtigen Männer der berühmten Billeder Feuerwehr ist.
Bei der Preisverleihung, die die Jury vor keine leichten Aufgaben stellte (bei Trachten, die in Echtheit und Schönheit praktisch auf einer Höhe waren, gaben sonst weniger beachtete Details des Gesamtbildes, wie Schuh, Strumpf, Zopf, kaum den Ausschlag), wurden Vertreter der ältesten Generation zu Rate gezogen, so dass dem Beifall nach — wohl die entsprechendste Wahl getroffen wurde.
Alles in allem, mit Volkstanz, Tanz der Generationen, humoristischer, poetischer und gesanglicher Einlage verstrichen volle vier Stunden angestrengter Arbeit.

Und zum Schluss noch eine kleine persönliche, Parallele. Ein Postskriptum. Endunterfertigter Verfasser dieser Zeilen hat vor einigen Jahren einen Bericht über eine Billeder Kerwei verfasst und sogar in der Zeitung abdrucken lassen, in dem er sich wenig erfreut darüber gezeigt hatte, dass die Kerweibuwe und -mädle nicht in Tracht, sondern in Zivil aufmarschierten. Die Folge war, dass halb Billed darüber gekränkt war.
Wie gesagt, nur halb Billed. Denn wie in mancher Leserzuschrift dämmerte es auch hier manchem, dass der "Neue Weg" (der ja auch zuweilen daneben schiesst) es richtig gesagt und gut gemeint hatte: Es beginnt damit, überlegten wir, dass man die Kerwei zuerst ohne Tracht, dann ohne Musik und schliesslich sogar ohne Wein macht...
Dass sie das richtige Rezept noch haben, hat dieser Trachtenball, der erste seit 30 Jähren in Billed, gezeigt. Da war alles dabei, was dazu gehört — von der Stimmung ganz zu schweigen. Da war alles so frisch im Griff, als stünde keine Generation dazwischen, die das nicht gelernt hat.
Und wenn sie noch nicht aufgehört haben, so tanzen sie auch jetzt noch weiter.

Bild: Die NW-Redakteure Heinrich Lauer und Hans Frick überreichen auf dem Billeder Trachtenball den NW-Preis, das Ferkel namens Gretche. Es war für die besten Polka-Tänzer bestimmt. Ein Preisgericht zeichnete das Ehepaar Klein aus.

Der Zeitungsartikel aus dem Jahr 1970 wurde uns von Dr. Norbert Neidenbach aus Groß-Jetscha zur Verfügung gestellt - vielen Dank!