Josef Herbst - unser lebendiges Einwohneramt

Abbildung oben: Josef Herbst vor dem Denkmal der Billeder auf dem Karlsruher Hauptfriedhof an Allerheiligen 2006

Nach Enteignung, Entrechtung und Exodus konnten die Billeder Deutschen ihre Nachkriegsgeschichte nur mühselig, und buchstäblich von Haus zu Haus, zusammensuchen. Aufgelistet werden sollten die Dorfbewohner, die zum Kriegsdienst einberufen wurden, die gefallen sind, die wegen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit enteignet wurden, die wegen ihrer deutschen Nationalität zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurden, die als unzuverlässige Elemente in die Baragansteppe verschleppt wurden, die in der Deportation verstorben sind, die jährlich durch Zahlen von Kopfgeld aussiedeln konnten, u.a. Solche Fakten, Zahlen und Geschehnisse beabsichtigte das kommunistische Regime Rumäniens und seine Securitate zu vertuschen.

Wo sind sie geblieben?
Durch Befragungen Betroffener, Angehöriger und Zeugen entstanden genaue Tabellen und Josef Herbst hatte es als seine Pflicht betrachtet, dabei mitzuwirken. Und das nicht als Hobby. Im Alter von 12 Jahren hatte er miterlebt, wie im Januar 1945 die arbeitsfähigen Frauen und Männer „ausgehoben” und zu 5 Jahren Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurden; wie sein Großvater von der Enteignungskommission zu Tode geprügelt wurde; er selbst wurde mit Mutter und Schwester, der Vater war als rumänischer Militärangehöriger 1943 im Krieg gefallen, für 5 Jahre in die Baragansteppe verschleppt.

Heimatforschung im Untergrund
Keine einfache Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass im kommunistischen Rumänien jede Schreibmaschine bei der Miliz registriert werden musste. In die Ostzone (spätere DDR) abgeschobene Russlanddeportierte hatten bei ihrer Entlassung gar unterschrieben, nie über das Geschehene zu berichten. Zudem mussten die erfassten Unterlagen durch den Eisernen Vorhang in den Westen geschmuggelt werden.

Josef Herbst ist Mitautor der 1980 in Wien erschienenen Billed-Chronik von Franz Klein, mit 640 Seiten damals ein Muster für Dorfmonografien im Banat.
In Rumänien gab es rund eine halbe Million Spitzel und es reichte von einem - wofür auch immer - verpfiffen zu werden. Er geriet ins Fadenkreuz der Securitate, der brutalen Geheimpolizei des rumänischen Kommunismus.
1981 gelingen ihm, seinem ältesten Sohn und weiteren Billedern eine riskante und spektakuläre Flucht über die scharf bewachte rumänische Grenze nach Deutschland.

Die Heimatortskartei
Die nach 1945 entlassenen Kriegsgefangenen aus Billed, die in Deutschland verblieben sind, weil sie in ihrer alten Heimat verfolgt wurden (133), die 1944 aus Billed Geflüchteten (135), Heimkehrer aus der Russlanddeportation, die im Westen geblieben sind (30), sowie Aussiedler der 1960er und frühen 1970er Jahre (296) gründen beim Heimattreffen 1975 in Karlsruhe die Billeder Heimatsortsgemeinschaft (HOG).
Eine HOG hat eine hörbare Stimme, unterstützt Hilfsbedürftige und dokumentiert Heimatgeschichte. Und vermittelt den Entwurzelten, ähnlich einem Exilamt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
Herzstück des losen Verbandes ist die Adress-Datenbank. 1984 übernimmt Josef Herbst die von Peter Krier angelegten Karteien. Dadurch ist die Zusendung des jährlichen Heimatblattes seit über 30 Jahren möglich. Und durch die Spenden der Billeder für das Blatt können die Zielsetzungen unserer HOG noch heute aufrechterhalten werden.

Wenn man weiß, dass statistisch jährlich ca. 10% ihren Wohnort wechseln, bekommt man einen Schimmer vom Aufwand, rund 2.500 Adressen über 35 Jahre, und das meistens telefonisch, aktuell zu halten. Und Sepp, wie ihn seine Generation nannte, kannte jeden einzelnen Billeder.
Im Heimatblatt veröffentlichte er jährlich Listen der Verstorbenen, sowie derer mit runden Ehejubiläen und Geburtstagen. Er wusste, dass nur dieser dünne Faden, die in rund 500 Ortschaften Zerstreuten noch zusammenhält, derweil die Erlebnisgeneration schon abgetreten ist.

Vedr Sepp erledigte die statistischen Arbeiten mittels Telefon und Computer von seinem neuen Zuhause in Gaggenau aus und eingebettet ins Familienleben. Und das so selbstverständlich und mindestens so gewissenhaft, wie jemand, der in einem Call-Center tagtäglich seinem Job nachgeht.

Glocken der Heimat
Freiwillige Feuerwehr, Theatergruppe, Chor, Landsmannschaft, Hilfstransporte - bei unzähligen Veranstaltungen war Josef Herbst ehrenamtlich aktiv. Auch für die heutige Gemeinde Billed, die ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen hat.
Über Jahrzehnte meldeten die Ex-Billeder ihm ihre Todesfälle. Er veranlasste, dass, wie eh und je, die Verstorbenen mit Kreide auf der schwarzen Tafel, am Eingang der Billeder Kirche, vermerkt- und ihr Ableben durch die Kirchenglocken verkündet wurde.

Am 7. August 2020, nach 87 Lebensjahren, während die Glocken läuten, steht auch sein Name auf dieser Tafel. Diese Tradition geht weiter.
Seine Leistungen für die Gemeinschaft ist weder messbar noch vergleichbar. Sein ehrenamtliches, selbstloses Wirken im Dienst der Billeder kann jedoch treffend umschrieben werden: Josef Herbst - unser lebendiges Einwohneramt.

Du bist nicht mehr da, wo Du warst,
aber Du bist überall, wo wir sind.

Victor Hugo