„Er liegt im Sterben. Schickt ihm noch ein Foto seiner Familie!“


Hans Martini nach seiner Genesung in BilledHans Martini nach seiner Genesung in Billed Das Foto seiner Familie, das Hans Martini als Todgeweihten erreichteDas Foto seiner Familie, das Hans Martini als Todgeweihten erreichte

Hans Martini, auch „de Schinjersch Vedr Hans“ genannt, weil sein Großvater aus Schini (Cenei) stammte, war 33 Jahre alt, ein stämmiger, bodenständiger Bauer, als er im Januar 1945 wie alle andern Deportierten aus Billed nach Perjamosch getrieben und von dort in die Sowjetunion verschickt wurde.
Zurück blieb eine Frau mit zwei Jungs – 10 und 7 Jahre alt – und eine Bauernwirtschaft, die von den Großeltern und der Frau bis zur Enteignung nach Möglichkeit bewirtschaftet wurde.

Bei der Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion wurden vom Januar 1945 bis zum Dezember 1949 zwischen 70.000 und 80.000 Rumäniendeutsche auf Grund ethnischer Kriterien als Reparation für die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion zu Zwangsarbeiten überwiegend in Bergwerke und die Schwerindustrie in der Ukraine, aber auch in den Kaukasus verschleppt. (Wikipedia)

Hans Martini landete nach der sorgenvollen Fahrt ins Ungewisse in Jenakjewa, wo er – wie alle anderen Deportierten – unter unmenschlichen Bedingungen - arbeiten musste. Krankheiten und Hunger machten innerhalb von zwei Jahren aus dem Billeder Bauer von 92kg ein arbeitsunbrauchbares Skelett von 48kg, das man zwar dort nicht sterben ließ, sondern in die Ostzone des auf vier Besatzungszonen aufgeteilten Deutschland entsorgte.

1947 kam er so in ein konfessionelles Krankenhaus bei Dresden, wo man den Kampf gegen seine vier Krankheiten: Typhus, Ruhr, Gelbsucht und Lungenprobleme bald als vergebens sah. Man gab ihm keine Überlebenschancen mehr.
Er war zur Unkenntlichkeit abgemagert und von den Krankheiten so gezeichnet, dass selbst sein gleichaltriger Nachbar von vis-a-vis - Hans Mann – ihn nach mehrmaligem Abgehen der Krankenbetten nicht erkannte. Erst mit Hilfe der Krankenschwester konnte er ihn finden.

Hans Martini wollte noch einmal seine Familie sehen. Deshalb der Brief der Diakonie nach Billed mit dem letzten Wunsch des Todgeweihten: „Er liegt im Sterben. Schickt ihm noch ein Foto seiner Familie!“
Anbei das Foto, das die schwergeprüfte Frau mit den beiden Jungs zeigt.
Das Foto erreichte Hans Martini, der zuletzt dem Tod noch von der Schippe springen konnte. Nach einem Monat kam er in die Reha und schickte seinerseits, der immer noch hoffenden Familie, ein Foto, das ihn auf dem Weg der Besserung zeigte.

Einigermaßen wiederhergestellt, machte er sich auf den abenteuerlichen und gefährlichen Weg nach Hause, denn der rumänische Staat war zu jener Zeit nicht bereit, die entlassenen Deportierten wieder in ihre Heimat zu lassen.
In Wien traf er Billeder und andere Banater aus der Deportation, die auch heimwärts wollten. Durch Ungarn war es für die Gruppe von Vorteil, dass Hans Martini Ungarisch konnte.
Leider kamen sie gerade am 23. August an die rumänische Grenze, die zu der Feiertagszeit doppelt streng bewacht wurde.
Festgenommen als amerikanische Spione, kamen sie als politische Häftlinge ins berüchtigte Gefängnis von Jilava. Dadurch wurde für sie die Deportation um fast ein Jahr verlängert.
Ein bisschen Glück hatte Hans Martini, dass er bald zum Küchendienst zugeteilt wurde. Sie wurden nach 11 Monaten entlassen, ohne Prozess, weil man ihnen keine Spionage nachweisen konnte.

Heimgekehrt, währte die relative Freiheit und das Leben in der Dorfgemeinschaft nicht lange, zumal 1951 zuerst die dem Regime politisch Verdächtigen zwangsversetzt wurden (domiciliu fortat), was dadurch für ihn erträglicher war, dass er in Orzydorf leben musste, aber auch per Rad (zu jeder Jahreszeit) nach Temeswar zur Arbeit fahren konnte.
Andererseits blieb dadurch der Familie die Baraganverschleppung erspart.

Hans Martini (1911-1992) war ein Billeder durch und durch, betätigte sich im Kirchenrat der Gemeinde und siedelte nur ungern nach Deutschland aus, wo er es zwar gut hatte, jedoch an Heimweh litt.
Ein Lebensweg, brutal gekreuzt durch katastrophale politische Veränderungen im Weltgeschehen des 20. Jahrhunderts und des Banats!



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