Marsch der verlassenen Heimstätte


Verschleppung in die Sowjetunion

Meine Frau Mreiche (Maria) wurde am 12. Januar 1945 nach Russland verschleppt, nachdem sie sich einige Tage versteckt hatte.
Die Drohung, dass man andernfalls die Eltern nimmt, veranlasste sie, sich zu stellen.
Es war ein sehr trauriger Abschied. Alle weinten und die Kinder baten: „Mutti, bleib bei uns, geh nicht!“ Unser Sohn Robert fuhr ihr bis Perjamosch mit dem Wagen nach, flehte weinend: „Mutti, komm nach Hause, die Schwester weint und wartet auf dich.“
Doch es half nichts: Sie musste nach Russland und Robert ging danach täglich an die Ecke, schaute in Richtung Perjamosch und hoffte, dass seine Mutti doch noch nach Hause kommt.

Es dauerte zwei Jahre, bis sie am 6. Januar 1947, abends um 10 Uhr, wieder zu Hause war.
Vieles wurde mir erzählt, weil sie schon fort war, als ich von Deutschland nach Hause kam.
Am 1. Weihnachtstag 1946 kniete sich unsere Tochter Marliese vor das Muttergottesbild nieder, betete ein von Jobba-Oma erlerntes Gebet und schloss mit den Worten: „Liebe Mutter Gottes, höre doch mein Gebet und schicke unsere liebe Mutti zurück, dass wir doch wieder eine Mutti haben.“ Wir weinten, weil die kleine Marliese so rührend gebetet hatte.
Doch gerade dann war ihre Mutti schon auf dem Heimweg, wurde in Russland „einwaggoniert“.

Lagerspital in Focsani

Nach Weihnachten kam Alexius-Onkel mit einer freudigen Botschaft. Im Zug von Temeschburg nach Billed hatte er zwei Mädchen aus Bogarosch getroffen, Heimkehrerinnen aus Russland, die ihm erzählten, dass auch Mreiche Braun mit ihnen gekommen ist, aber im russischen Lagerspital in Focsani bleiben musste, weil sie zum Weiterfahren zu schwach war.
Ihr Vater, mein Schwiegervater, fuhr dann selbst nach Bogarosch, um Näheres zu erfahren und lieh sich das nötige Geld für die Fahrt in das 600 km entfernte Focsani und zurück. Selbst für die Beschaffung der Fahrkarten musste man Beziehungen spielen lassen.

Bei -30°C, viel Schnee und Schneegestöber suchte ich dann in Focsani das Spital.
Im Raum war es kalt, kein Feuer im Ofen und Betonfußboden.
12 Frauen lagen da, abgemagert bis auf die Knochen, vor Kälte blau im Gesicht; einige dämmerten vor sich hin, andere hatten übergroße Augen, doch alle waren mehr tot als lebendig.
Meine Frau konnte ich nicht erkennen, wollte schon bei den Toten nachsehen, fragte aber noch einmal: „Ist Maria Braun hier?“
Da schaute meine Frau mich an und rief: „Mischko!“ Nur an der vorderen Zahnlücke habe ich sie erkannt, sonst ähnelte sie sich gar nicht mehr. Ich küsste sie und beide weinten wir, so dass wir eine Weile gar nicht sprechen konnten.
Danach fragte sie zuerst: „Was machen die Kinder, die Eltern? Sind alle gesund?“

„Alle außer meinem Vater, der an Blutvergiftung gestorben ist.“ Er erkrankte im September 1945, und der Arzt erkannte die Blutvergiftung zu spät, ein zweiter Arzt konnte auch nicht mehr helfen. Ich selbst musste mich zu der Zeit versteckt halten, schlich mich nur nachts zwischen 2 und 3 Uhr an sein Bett und dann wieder zurück in mein Versteck. Von da aus hörte ich auch die Glocken läuten und weinte, denn selbst zu seiner Beerdigung konnte ich - ohne großes Risiko - nicht gehen, keines seiner Kinder war dabei.

Zu meiner Frau jedoch sagte ich noch: „Gib nur acht, dass wir glücklich nach Hause kommen. Alles andere ist Nebensache. Sei stark, deine Kinder warten auf dich!“
Und die Hoffnung, wieder zu ihren Lieben nach Hause zu kommen, machte sie stark.
Dabei fror sie und hatte Hunger, denn scheinbar waren die vermittels der Kirche eigens für die Heimkehrer gespendeten Lebensmittel und Geld hier nicht angekommen.
Nur einen Arm voll Holz und Kekse verteilte der zur Rede gestellte Pfarrer und wünschte, dass die Frauen mit Gottes Hilfe bald wieder heim zu ihren Familien kommen.

Zu schwach zum Eisenbahnfahren

Hähnchenfleisch und Brot, eine Injektion und Herztropfen für den langen Weg, Franzbranntwein und Würfelzucker, Winterkleidung und eine warme Decke machten es für meine Frau möglich.
Doch wegen des Schneegestöbers wollte niemand mit dem Schlitten zum Bahnhof fahren, erst doppelte Bezahlung schuf Abhilfe.

Zum Schlitten und nachher zum Bahnhof musste ich die Kranke tragen, so geschwächt war sie. Hier aß sie mit großem Appetit eine warme Suppe und Wurst, auch war es da etwas wärmer. Zwar machten ihr im Zug die anderen Reisenden Platz zum Sitzen, doch ihr wurde trotzdem mehrmals unwohl; ich befürchtete schon, dass sie die Fahrt nicht überstehen wird, doch die Herztropfen halfen weiter.

In Bukarest aß sie sogar eine doppelte Portion Suppe und Würstchen, was in ihrem Zustand eigentlich nicht angebracht war.
In Temeschburg waren auch -30°C, so dass auch hier ein warmes Essen das Beste war, bis wir mit 3 Stunden Verspätung nach Billed abfuhren, weil die Lokomotive eingefroren war und es dann auch nur bis Billed schaffte; dementsprechend kalt war es auch in den Waggons.
Ruß Wendel, unser Nachbar, verständigte sofort meine Schwiegereltern, damit uns jemand mit dem Schlitten abholen kommt. Inzwischen hatte der Stationschef meine Frau zu sich in die Kanzlei genommen: Alle weinten bei ihrem Anblick! Auch beim Wiedersehen zu Hause.

Die Kinder erkannten ihre Mutter nicht mehr, fürchteten sich sogar vor ihr und hielten sich fern. Selbst der herbeigerufene Arzt Dr. Tuttenuit weinte und sagte, dass er Derartiges noch nicht erlebt hat. Sie war so abgemagert, dass die Haut auf den Knochen klebte und er ihr nur schwer eine Injektion geben konnte.
Er kam dann täglich zweimal, um sie zu impfen und nachzusehen, wie es ihr geht. Zwar bekam sie nur leichte Kost, erholte sich jedoch rasch.

In der Donbasregion - Stalino - im Lager Smoljanka und Makevka war sie gewesen, Aufbauarbeit leisten: Tag und Nacht Kohle ausladen bei Kälte und kaum etwas zu essen. Um zu überleben mussten sie in die umliegenden Dörfer betteln gehen, und meistens gaben die Einheimischen ihnen Brot und Maismehl, obwohl sie selbst nicht viel hatten.
Unterernährt, bis auf die Knochen abgemagert, wurde sie im zweiten Jahr krank und - als sie gar nicht mehr arbeiten konnte - in einen Krankentransport gesteckt und zusammen mit Kathi Ruß, Gabi Linzer, Kathi Linster u.a. über Focsani nach Hause geschickt.

Nur langsam gewöhnten sich die Kinder an ihre Mutter, wichen dann aber nicht mehr von ihrem Bett, weil sie begriffen, dass sie nun wieder eine Mutter hatten.
Nach zwei Wochen war sie dann so weit erholt, dass sie kleine Spaziergänge machen konnte, aber fast anderthalb Jahre konnte sie nur leichte Arbeit verrichten. Sie kochte, während wir gepachtetes Feld bearbeiteten.

Verschleppung in die Baragan-Steppe

Ergänzt durch das, was der Musikunterricht einbrachte, den ich Kindern erteilte, ging alles so weit gut, bis am 13.03.51, gerade als ich auf eine Melodie von Breitenbach Vetter Jakob einen Marsch komponierte, der Gemeindediener kam und verlauten ließ: „Mischko, sei nicht böse, aber ich muss dir mitteilen, dass du in 24 Stunden dein Haus räumen und zu Jobba ziehen musst, der freie Zimmer hat.“ Daraufhin erhielt der frisch komponierte Marsch statt des Titels „Freiheits - Marsch“ den Titel „Marsch der verlassenen Heimstätte“.

Vor einem Jahr hatte ich eine Blasmusikkapelle mit rund 40 Schülern gegründet, die alle beim Umzug mithalfen, so dass wir tatsächlich in 24 Stunden zu meinen Schwiegereltern umziehen konnten.
1950 gegründet, erspielten wir beim Rayons - bzw. - Regionswettbewerb der Kapellen jeweils den 1. Platz und sollten im September zum Landeswettbewerb nach Bukarest fahren.
Aber es sollte anders kommen: am 17. Juni 1951 wurde ich mit meiner Familie für 5 Jahre in die Baragan-Steppe deportiert - wir wurden in der Steppe einfach unter freiem Himmel ausgesetzt.
(BH 2003)